HUBERT BAUMANN
Über Welten Ganz im Sinne der heute geforderten Nachhaltigkeit nutzt Hubert Baumann schon seit langen Jahren Eisenschrott, den er sucht, findet und sammelt, sägt, schweißt und schneidet. Aus diesem rostigen Material und weiteren wie Bitumen, Farbe, Holz und Glas schafft er merk- wie denkwürdige Formen in seinen Werkgruppen Altäre, Eisenkugeln, Schilde, Objekte, Hinterglasbilder, Objektkästen sowie Kunst am Bau und Kunst im öffentlichen Raum. Mit seinem Werk erlangte er überregionale Bekanntheit, nicht zuletzt wegen seines künstlerischen Vermögens und seiner eigenwilligen Formsprache, die er sowohl im kleinen Format wie auch in großen Eisenplastiken zur Geltung bringt. Stets zeigt sich Figuration: humorvoll abstrahiert, ethnisch beeinflusst, als nostalgische Fotografie oder plastische Erscheinung. Der experimentelle Umgang mit einer Vielzahl an Stoffen – neben dem hauptsächlich verwendeten Eisen – zeigt Baumanns Mut zum Materialmix. Dort taucht nichts Kostbares, aber viel Gewohntes, aus dem Leben Gegriffenes auf. Sein Augenmerk liegt auf der künstlerischen Wiederverwertung wie Umdeutung einzelner Dinge und auf der Vielfalt der Möglichkeiten, mit denen er aus Vorhandenem schöpfen kann. In den „Über Welten“ gewährt er einen umfassenden Einblick in seinen großen surrealen, schöpferischen Kosmos. Barbara Leicht M.A
TEXTE ZUR KUNST
ÜBER WELTEN  Funken fliegen, Rauch liegt in der Luft – in der gesamten Werkstatt lagern Federstähle in Regalen, Drähte, Bleche und viele weitere gefundene, ge- sammelte rostige Eisenobjekte sowie Werkzeuge aus dem bäuerlichen Bereich. Inmitten all dieser unspektakulären Gegenstände, wenn nicht sogar Schrott- teile gestaltet Hubert Baumann ein Universum phantasiereicher Formen und Figuren. Mit Schweißmaske und Schutzkleidung ausgestattet, setzt der Künst- ler hierbei die Energie von Schweißgerät und Plasmaschneider ein und verwer- tet Reste. Seine Intuition entfaltet sich frei, seine Imaginationskraft scheint unerschöpflich. Auf Reisen zu verschiedenen Ethnien auf dem afrikanischen Kontinent, in Nordamerika, Grönland, China und Indonesien erfuhr Baumann Vieles über deren Alltagsleben und religiöse Gepflogenheiten. Die dort ge- wonnenen Eindrücke prägten ihn; sie inspirieren ihn bis heute. Geboren und aufgewachsen im Bayerischen Wald, schon immer naturver- bunden, stets offen für Neues, schafft Hubert Baumann seit über 40 Jahren ein künstlerisches Kuriositätenkabinett. Sein Lebensumfeld scheint dafür mehr als geeignet. Auf der Hochfläche von St. Helena, eines nahe Neumarkt gelegenen Kirchdorfs, lebt er mit seiner Frau, der Filzkünstlerin Anneliese Baumann im Alten Schulhaus, umgeben von Wiesen und Feldern, hält Hühner und Schafe, hegt eine Streuobstwiese – Platz genug zum Sammeln und Ruhe pur für konzentriertes Arbeiten. In seinen Werken lassen sich daher Einflüsse der katholischen Tradition sowie von (Natur-) Religionen und Schamanismus finden: Maske und Monstranz, die archaische Schildform, die an das christliche Motiv der Mandorla erinnern mag, das Vogelsymbol und die Beziehung zwischen Mann und Frau. Mancher Darstellung verleiht Baumann dabei eine humor- volle Erscheinung, die er in spielerischer Herangehensweise und zugleich wohlüberlegt komponiert. Zwischen Figürlichem und Konstruktivem herrscht Gleichgewicht. Von freier Hand mit dem Plasmaschneider geschaffenen Formen gibt der Künstler durch Linearität im jeweiligen Bildfeld Halt.       Der Betrachter wird zum Denken angeregt, denn Baumann bereichert seine Bildwelten mit skurrilen Symbolen. Man meint sie zu kennen und doch ist es seine ganz eigene Mystik, die hier durchscheint. Kreativ, aber bedacht schweißt er aus sparsamen Mitteln wie korrodierten Drähten und Blechen figurative Stelen, Köpfe, Kugeln und Objekte, die aus fremden Kulten zu stammen scheinen, und zeichnet mit diesen Werken gewissermaßen in den Raum. Zwar bildhauerisch ponderiert, leben diese eindrucksvollen, eisernen Arbeiten von Durchbrüchen und Klappungen, von Positiv- und Negativformen, von gestörter Harmonie, von Gegensätzen. Obschon Baumann einst Malerei studierte, setzt er Farbe zurückhaltend, aber pointiert ein. Denn die Nuancen der Rosttöne an sich lassen Oberflächen lebendig und vielseitig erscheinen. Aus dem Sammelsurium von Gefundenem, das vielerlei Dinge von Tier- schädeln über Türklingeln sowie weiteren gebrauchten Gegenständen des alltäglichen Lebens enthält, arrangiert er absurde Objekte, die er partiell bemalt und dabei einstigen Funktionen neue Bedeutungsebenen verleiht. Phantasievolle Kunstwerke entstehen, in denen sich das Verrinnen der Zeit und die Endlichkeit des Seins ironisch zeigen. Mit der Hinterglasmalerei erweckt er eine fast vergessene Kunsttechnik wieder zum Leben, die vornehmlich in der Volksfrömmigkeit des Barock und des 19. Jahrhunderts Verwendung fand. Baumann versetzt sie in andere Zu- sammenhänge und verwendet als strukturelle Hintergründe für die grafischen Hinterglasbilder seiner Objektkästen unter anderem Naturmaterialien wie Getreide, Schafwolle oder Stroh. Außerdem weist sein Oeuvre zahlreiche Projekte von Kunst im öffentlichen Raum und Kunst am Bau auf. Ideenreich und kreativ, energiegeladen und zielstrebig schafft Hubert Baumann „Über Welten“, in denen er seinem komplexen wie faszinierenden Kosmos an Formen und Figuren freien Lauf lässt.  Barbara Leicht M.A. Aus dem Katalog „ÜBER WELTEN“ 2023
Aus dem Katalog „ÜBER WELTEN“ 2023